Zum Schluss ein wenig Text ...


Zu meiner Malerei

Meine Malerei lässt sich dem „abstrakten Expressionismus“ oder auch der „Art informel“ zuordnen. Sie entsteht spontan, ist impulsiv und zielt darauf ab, dass das Ergebnis mich befriedigt und mir gefällt.



Zu meinen Objekten

Der Schaffung meiner Objekte bzw. Objektkästen geht dagegen ein längerer Planungsprozess voraus, bei dem ich abschätze, ob und auf welche Weise ich den Betrachter dazu bringe, meine Gedanken nachzuvollziehen, bzw. dazu, anhand des von mir Vorgegebenen in seine eigene Richtung fortzusetzen.

Ich verwende hierbei Gegenstände (objets trouvés) mit eindeutiger Aussage, die ich unverändert, ihrem allgemeingültigen Gedankenzusammenhang entsprechend, einsetze und denen ich durch Gegenüberstellung mit anderen Dingen eine Aussage zukommen lasse. Der Kunstwissenschaftler Karlheinz Lüdeking schreibt hierzu treffend: „Sobald ein Ding zum Kunstwerk wird, nimmt es die Kraft eines Textes an.“ 1) Genau diesen Umstand mache ich mir bei meinen Objekten zunutze.

Der durch Zusammenstellung oder Gegenüberstellung von Dingen initiierte Nachvollzug der von mir problematisierten Gedanken beim Betrachter und der bei ihm dadurch bewirkte Anstoß seines eigenen Denkprozesses ist dabei mein Ziel.

Anders als bei meiner Malerei, die allein schön oder auch spannend sein soll, möchte ich mit meinen Arbeiten im Bereich Objektkunst neben der Emotion auch die Ratio ansprechen und dem Betrachter Impulse zum Weiterdenken geben. Der Begriff ‚Kunst‘ hängt schließlich mit dem Wort ‚künden‘ zusammen. 2) Dabei ist es ganz egal, ob ich meine ‚Botschaft‘ eher auf lehrhafte und ernste oder eher auf ironische und heitere Weise an ihr Ziel zu bringen versuche.

1) Karlheinz Lüdeking: „Die Verwandlung des Banalen, in Dinge in der Kunst des XX. Jahrhunderts“, München 2000, S. 21

2) Vgl. hierzu Wilhelm Kufferath v. Kendenich: „Kunst kommt nicht von Können – zur etymologischen Entwicklung des Wortes Kunst“, Maecena, Zug 1996



Meine Farben

Der einzige Berührungspunkt meiner beiden unterschiedlichen Arbeitsbereiche Malerei und Objektkunst besteht in der Verwendung derselben Farben.

Bei all meinen Arbeiten beschränke ich mich konsequent auf die Verwendung der ‚bunten‘ Primärfarben Rot, Gelb und Blau und der ‚unbunten‘ Farben Schwarz, Weiß sowie der dazwischen liegenden Grautöne.

Durch diesen Kontrast strebe ich eine gesteigerte Wirkung der ‚bunten‘ Farben an.

Durch diese, wie es ein Journalist formuliert, „spartanische Farbauswahl“, erlangen meine Arbeiten „besondere Klarheit“. Ein anderer schreibt in seinem Artikel über meine Arbeiten, dass die von mir ausschließlich verwendeten Primärfarben „auf dem neutralen Grau ungeheuere Leuchtkraft entwickeln“. Die Kommentare vieler Ausstellungsbesucher lauten ähnlich.



Versuch einer Einordnung in den kunsthistorischen Kontext

Über die Entwicklung der Kunst in den mich stark prägenden Jahren um 1968, vor dem Beginn meines Studiums, schreibt der Schweizer Kunsthistoriker Willy Rotzler:

„Es erwachte ein Interesse für den Herstellungsvorgang, manchmal ein narzistisches Hinhorchen auf das eigene Tun. Die Welt reduzierte sich auf das Geschehen im Atelier, vor und auf der Leinwand. Malen wurde als eine Aktion begriffen, als ein geradezu intim-privates Tun. Der Wunsch, sich selbst zu finden, sich selbst zu bestätigen, stand als Antrieb hinter solchen Prozessen. Dem Kunstwerk kam dabei, wie Jackson Pollock es formulierte, nur die Bedeutung einer Arena zu, eines verlassenen Schauplatzes, auf dem eine Aktion stattgefunden hatte. Bei allen Erscheinungsformen dieser ‚informellen‘ oder ‚gestischen‘ Kunst … spielte der Zufall eine wichtige Rolle.“

Rotzler spricht die Loslösung der Kunst von der Realität an, bezeichnet sie als „subjektivitstisch“ und stellt fest, dass sie der „vorstoßenden jüngeren Generation, die nach unmittelbaren Kontakten mit der Wirklichkeit strebt, nicht mehr genügt“. Er führt über diese Epoche weiter aus:

„Es war kein Zufall, dass der französiche Kunstkritiker Pierre Restany im Hinblick auf eine Gruppenausstellung in Mailand (1960) sein erstes ‚Manifeste des Nouveau Réalistes‘ veröffentlichte. Formell schloss sich die von ihm geleitete Gruppe im Oktober desselben Jahres zusammen. Es gehörten ihr an: Arman, Francois Dufresne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jacques de la Villeglé, später César, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Gérard Deschamp und Christo, schließlich noch der Japaner Tetsumi Kudo.“ 1)

In diese Zeit fällt mein erwachendes Interesse am Phänomen ‚zeitgenössische‘ Kunst und der wachsende Wunsch, Kunst zu studieren.

Diese Phase zwischen dem ‚Abstrakten Expressionismus‘ und der ‚Nouvéau Réalistes‘, speziell Daniel Spoerri, mit dem ich später in Köln zu tun hatte, bildet für mich bis auf den heutigen Tag das inspirierende Umfeld für meine künstlerische Arbeit.

Während sich die Kunst längst allgemein weiter fortentwickelt hat, bewege ich mich nach wie vor mit meiner Malerei im Bereich der gestischen Arbeit, greife jedoch bei meinen plastischen, gegenständlichen Arbeiten auf die Verwendung realer Dinge, der ‚objets trouvés‘, zurück.

Dabei wechsele ich, entweder frei, je nach persönlicher Stimmung, nach Jahreszeiten oder auch inspiriert durch soziale oder politische Ereignisse den Arbeitsbereich, ganz unabhängig von der Reihenfolge, in der sie sich im Rahmen der Kunstgeschichte ursprünglich entwickelt hatten.

So arbeite ich als Maler und Objektkünstler, und bei meinem künstlerischen Schaffen, bei dem ich weder den einen, noch den anderen Arbeitsbereich präferiere, ist mir noch eines wichtig: Das Feedback mit dem Betrachter meiner Arbeiten, dessen Reaktion ich gespannt erwarte. Hierbei habe ich im Hinterkopf den Satz Jean-Paul Sartres: „Kunst gibt es nicht nur für, sondern durch den anderen“. 2)

1) Willy Rotzler: Objektkunst, Du Mont, Köln 1975 , S. 117 ff

2) Das Zitat Jean-Paul Sartres ist entnommen aus „Was ist Literatur“, rohwolt, Hamburg 1959



Gedanken zur Wahrheit, die hinter der Kunst steht ...

Mein langjähriger Freund Karl-Josef Maxeiner schreibt in der Einleitung zu einem Aufsatz über meine künstlerische Arbeit:

„Die öffentlichen Kommunikationsfelder in allen Bereichen der westlich industrialisierten Gesellschaften sind im Zeichen des Liberalismus durch eine ausufernde, lärmende Rhetorik ausgefüllt, deren Ziel es ist, den Menschen in allen Lebensbereichen zum Glauben an neue Ideen zu überreden. Die Kunst hat es dagegen mit einer sehr alten Idee zu tun, der Wahrheit.
Diese hinter all dem rhetorischen Staub als Sichaussprechen einer gemeinsamen Welt hervorscheinen zu lassen, wird eine für die Kunst umso vordringlichere Aufgabe, je mehr sich die Wissenschaften und die Bildung in den Dienst einer ,wissensbasierten' Ökonomie stellen lassen.“ 1)

Dieser Text bringt, treffend formuliert, das auf den Punkt, was mich grundsätzlich zur Schaffung meiner Objekte motiviert.

Wohl beabsichtige ich bei der Konzeption meiner Objekte durch die Kombination meiner objets trouvés vordergründig die Betrachter der Arbeiten zum Schmunzeln zu verleiten. Hintergründig ist es allerdings mein Ziel, ihnen ihre altvertraute, daher auch abgestumpfte und ausgeleierte Wahrnehmung fremd werden zu lassen und stattdessen die Wirklichkeit in ein neueres, frischeres Licht zu tauchen, die Sinne und das Denken in Bewegung zu bringen und für die Wahrheit empfänglicher zu machen.

Entspannen, Abschalten, das Licht löschen und Schlafen sind Grundbedürfnisse des Lebens. Mit meiner Kunst sehe ich mich aber am Beginn eines neuen, lichterfüllten Tages, mit dem Ziel, das von gestern Erinnerte und Bekannte zu erschüttern und so die Möglichkeit neuen Sinnes zu eröffnen.

Da viele Betrachter (und Käufer) von Kunst diese primär unter dem Aspekt der Dekoration, der Verschönerung sehen, halte ich den deutlichen Hinweis auf den Gedanken der Wahrheit hier noch einmal für absolut dringlich.

Helmut Krudewig  

1) Karl-Josef Maxeiner in Dokumenta Artis, Bad Schmiedeberg 2004, S. 45